home

fotos

mensch

tier

bühne

reportage

texte

ro

impressum

Auf dem Dreirad liegen


Sportliches High-Tech für Rad-Individualisten
Liege-Dreirad

Mütter bedrucken T-Shirts für die stille Mehrheit
Toleranzinitiative

"Es blutet einem schon das Herz."
Pferdeauktion

„Ich komme ja sonst nicht zum Einkaufen.“
Malteser-Service

(Besitzer eines Liege-Dreirads, 2025)

Frank Bölter in der Krückau

Sport knapp über dem Asphalt

„Man kann richtig geil driften.“ Ulf Schiefelbein schwärmt von seinem Fahrrad: „Es macht total Spaß.“ Schiefelbein ist auf einem außergewöhnlichen Gefährt unterwegs, einem Scorpion von HP Velotechnik. Das ist ein Liegerad mit drei Rädern: zwei vorne, eins hinten. Angst vor Stürzen braucht der Itzehoer nicht zu haben: Mit dem niedrigen Schwerpunkt ist Umfallen so gut wie unmöglich.
Ulf Schiefelbein ist begeistert, wie schnell er unterwegs ist: „30, 40 Stundenkilometer sind auf der Kiste kein Problem.“ Dabei hilft, dass er bei seiner Sitzposition knapp über dem Asphalt weniger Luftwiderstand überwinden muss als ein normaler Radfahrer. „Wenn er Spurbahn fährt, bin ich schneller; sonst er“, sagt seine Frau Inken, ebenfalls eine begeisterte Radfahrerin, allerdings auf einem normalen Zweirad. Auf Spurbahnen und im Wald läuft mindestens eins der Vorderräder des Scorpions auf der Bankette. Im Matsch und im Dünensand ist Schiefelbein auch schon eingesunken, dann muss er mühselig schieben. Als Abhilfe hat er die breitest möglichen Reifen montiert.
Der Itzehoer ist technikaffin. Als erstes hat er an seinem Dreirad das vordere Kettenblatt gegen ein kleineres ausgetauscht. Jetzt kann er auch im Fußgängertempo noch normal schnell treten. Die niedrige Übersetzung hilft auch bergauf, denn im Liegerad funktioniert kein Wiegetritt, also das Fahren im Stehen. „Man braucht hier“, sagt Schiefelbein und klopft sich auf den Oberschenkel. Als ehemaliger Marathonläufer hat er „hier“.
Fahrrad ist er schon „mein Leben lang viel“ gefahren. 2018 musste er damit allerdings aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Sein Bruder hatte damals einige exotische Räder, die Ulf Schiefelbein ausprobierte: ein Liegerad mit zwei Rädern und ein Liege-Dreirad. Das Zweirad fand er „gewöhnungsbedürftig“, das Dreirad überzeugte ihn: „eine echte Alternative, endlich wieder Fahrrad zu fahren“.
Schiefelbeins nutzen ihre Räder für Urlaubsfahrten, Tagestouren in den Naturpark Aukrug und im Alltag. Wobei der in Itzehoe mit dem Fahrrad und mehr noch mit dem breiteren Liegerad sehr mühselig ist, klagen beide.
Einen Motor haben weder Ulf noch Inken Schiefelbein in ihren Rädern. Zum einen bringt der ziemlich viel Gewicht mit sich, zum anderen wollen die beiden sich bei ihren Urlaubstouren nicht ums Aufladen kümmern müssen. Ulf Schiefelbein nennt ein weiteres Argument: den sportlichen Aspekt. „Ich mag auch mal erschöpft sein.“
Aber sie achten auf hochwertige Komponenten an ihren Rädern. Inken Schiefelbeins Rad hat einen Tretlagerschaltung und einen Zahnriemen statt Kette. Ulf Schiefelbein setzt auf eine Nabenschaltung mit 14 Gängen. Vorne hat sein vollgefedertes Dreirad Einzelradaufhängung, für den Überblick hat er zwei Spiegel montiert.
Hinten ragt eine Fahne an langer Stange weit nach oben. „Das Problem heißt Autofahrer“, sagt Schiefelbein. „Ich wäre bestimmt schon vier oder fünf Mal überfahren worden, wenn ich nicht aufgepasst hätte“, beschreibt er eine Folge seiner tiefen Sitzposition: Er wird übersehen. Und er kann selbst nicht über parkende Autos hinwegsehen, beim Abbiegen oder Ausweichen muss er sich aufsetzen und sorgfältig gucken.
Für Pausen hat er seinen Gartenstuhl immer dabei, sagt Schiefelbein: Auf dem parkenden Liegerad kann er bequem sitzen. Wenn er denn die Parkbremse angezogen hat, damit es nicht wegrollt. Schwierig ist der Transport; obwohl sein Modell sich zusammenfalten lässt, bleibt es ein unhandliches und schweres Paket. Passende Fahrradträger sind Einzelanfertigungen und dementsprechend teuer.
Ein Liegerad ist „kein akzeptiertes Massenprodukt“ weiß Ulf Schiefelbein. Aber es gibt im Kreis Steinburg einen Spezialisten für diese Spezialräder, Arved Klütz in Wrist. Der stellt unter dem Namen „Toxy“ selbst Liege-Zweiräder her und verkauft zusätzlich Liege-Dreiräder der Marken HP Velotechnik (zwei Räder vorn) und Hase (zwei Räder hinten). „Man braucht einen Händler, der es pflegt“, sagt Ulf Schiefelbein. Und der sich mit den hochwertigen Komponenten auskennt.
Der Spaß auf drei Rädern ist nicht billig. Ein voll ausgestattetes Scorpion kostet leicht an die 8 000 Euro. Allein die Lichtanlage mit Nabendynamo und LED-Lampen schlägt mit fast 700 Euro zu Buche, die 14-Gang-Nabenschaltung mit knapp 1 900. Ulf Schiefelbein relativiert die Preise: „Wer in diesen Bereich geht, der muss Geld in die Hand nehmen, auch beim Zweirad.“ Das Fahrrad, das seine Frau gebraucht gekauft hat, kostet neu auch rund 5 000 Euro.

Frank Bölter in der Krückau

Nach oben