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970 PS, zentimetergenau


„Wir alle scheitern irgendwann.“
XXL-Papierschiff kentert im Fluss

„In manchen Situationen erkennt man sich wieder.“
Männerabend

Jahresurlaub auf dem Häcksler
Maisernte

„Wir haben unsere Zäune bekommen.“
Werner Rennen Anwohner

(Maisernte für eine Biogasanlage, 2019)

Fiene Dittenborn und Caroline Beckmann

Higtech auf dem Maisacker

Christian Tramm verbringt seinen Jahresurlaub im Sitzen in kurzer Hose. „Das ist hier jetzt entspannt“, findet er. Es brummt dezent unter ihm, seine rechte Hand bedient routiniert einen Joystick mit diversen Knöpfen drauf. Daneben zwei größere Monitore und mehrere kleinere Anzeigen, oben rechts hängt ein IPad. Mit dem linken Fuß bedient er eine Pedale, wenn er über Funk sprechen will.
In der Mittagspause schwenkt Tramm das Lenkrad samt Säule vor, steigt von seinem Sitz, klettert ein paar Metallstufen hinunter und steht auf einem Acker bei Nahe im Kreis Segeberg. Er geht zum Heck seines grünen Fahrzeugs: „Das ist das Herzstück“, sagt er stolz und klappt die Haube auf. Darunter steckt ein V-12-Motor mit 970 PS. Das Aggregat braucht zur Schmierung 100 Liter Motoröl. Der Tank fasst 1 500 Liter Diesel, aber das genügt nicht über den Tag. Denn der Maishäcksler ist im Moment von morgens bis abends im Einsatz. Tramm startet gegen 6.30 Uhr, und wenn er um 22 Uhr wieder auf den Hof fährt, dann wartet, reinigt und pflegt er seinen Häcksler anderthalb Stunden lang, der dann 1 600 bis 1 800 Liter Sprit verbraucht hat. In der Mittagspause lässt Tramm ein Programm laufen, mit dem der Häcksler seine Messer automatisch schärft. Währenddessen steht der Fahrer bei seinen Kollegen: Das Mittagessen kommt in Alufolie auf den Acker, als Tische dienen die Frontgewichte der Traktoren.
Maisernte, das ist Hightech im großen Maßstab. Monströs sind die Geräte, die zum Einsatz kommen, um innerhalb weniger Wochen Tausende Hektar abzuernten. Tramm bezeichnet seinen Häcksler als „fahrendes Labor“: Per Infrarotsensor misst die Maschine während der Ernte die wesentlichen Parameter des Häckselguts, automatisch erstellt sie Karten, in denen auf den Meter genau der Ertrag verzeichnet ist. Der Rüssel, aus dem die Maishäcksel in den Anhänger gespritzt werden, findet mit Hilfe einer Kamera automatisch den Anhänger und befüllt ihn gleichmäßig. Wenn Tramm den Häcksler ausgerichtet hat, fährt er automatisch und präzise über den Acke, das Display vermeldet einen Abstand zur Ideallinie von zwei Zentimetern.
Das Ganze hat einen hohen Preis: Der Maishäcksler kostet mehr als 600 000 Euro; netto. Die Erntekolonne in Nahe umfasst zwei Häcksler und 15 Gespanne, die jeweils aus einem Traktor mit rund 200 PS und einem dreiachsigen Anhänger mit 56 Kubikmetern Ladenvolumen bestehen. Mit dieser Kombination wird das zulässige Gesamtgewicht von 40 Tonnen optimal ausgenutzt, pro Fuhre bringen die Fahrer rund 20 Tonnen gehäckselten Mais an ihr Ziel, die Biogasanlage in Itzstedt. Keine fünf Minuten dauert es, bis der Häcksler einen der riesigen Wagen gefüllt hat.
Dieser geballte Einsatz von Technik lockt Menschen an. Dass Tramm seinen Urlaub auf dem Fahrersitz verbringt, damit ist er kein Einzelfall, mehrere Fahrer kommen aus Leidenschaft zur Maisernte; viele haben neben sich Freunde oder Partner sitzen, die sich ebenfalls frei nehmen. Ein Stück vom Acker entfernt steht ein Mann neben seinem Auto und betrachtet das Geschehen als Schaulustiger. Tramm kennt ihn schon: „Der steht seit heute Morgen da“. An Zuschauer ist er gewöhnt: „Es gibt so viele, die Bilder machen mit Drohnen“, erzählt er. Die Maisernte als Hingucker.

 

Statt 1 Million Liter Heizöl

Steffen Gröger-Heecks ist Betriebsleiter der Biogasanlage in Itzstedt. In knapp zehn Tagen soll die Kolonne 430 Hektar Maisacker abgeerntet haben. Angebaut haben den rund 30 Landwirte, die Verträge mit dem Betreiber der Biogasanlage geschlossen haben, einer GmbH & Co. KG, die zur Kapitalgesellschaft C4 Energie AG aus Kiel gehört. 25 000 Tonnen Maissilage sollen bei Gröger-Heecks Ende kommender Woche auf dem Hof eingelagert sein. Damit und mit Futterroggen, dem zweiten Rohstoff für die Fermenter, erzeugt die Anlage in Itzstedt gut 11 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr und rund 8 Millionen Kilowattstunden Wärme; rechnerisch lassen sich damit rund 2 800 Vierpersonenhaushalte in Einfamilienhäusern mit Strom versorgen und 1 600 mit Wärme.
Gröger-Heecks verkauft das Methan, das er in seiner Anlage erzeugt, in ein Neubaugebiet in Itzstedt und an das Forschungszentrum Borstel. Dort stehen jeweils Motoren, die mit dem Gas Strom und Wärme produzieren. Das erspart täglich 2 700 Liter Heizöl, rechnet Gröger-Heecks vor; pro Jahr fast eine Million Liter.
Aber jetzt wird erstmal Mais eingelagert. Jedes Erntegespann wird gewogen; die Abrechnung mit den Landwirten geschieht auf der Basis der gelieferten Menge. Erntehelferin Christina Wulff nimmt von jeder Fuhre eine Probe fürs Labor. Im Bürocontainer hat Steffen Gröger-Heecks am Rechner den genauen Überblick: Wo wird gerade geerntet, wie viel kommt von welchem Feld, wer ist der Eigentümer.
Nach dem Wiegen fahren die Gespanne auf den Hof und schütten ihre 56 Kubikmeter Maishäcksel vor den rund neun Meter hohen Siloberg. Drei große Traktoren schieben die Masse mit Schilden den steilen Hügel hinauf, verteilen sie und verdichten sie mit ihrem Gewicht. Einer hat mehr als 300 PS und kommt mit Front-, Heck- Und Felgengewichten auf rund 20 Tonnen Gewicht. Die Fahrer sind Routiniers im Klettern auf dem Hügel aus rutschigem Material.

 

Maisernte und Nachbarschaft

„Ich will mir das nicht verderben“, sagt Steffen Gröger-Heecks. Darum plant er die Routen für die Maisernte so, dass die Gespanne nicht an mehreren Tagen hintereinander durch das gleiche Dorf fahren. Auf dem Hof seiner Biogasanlage steht ein Radlader mit Bürsten bereit, um zwischendurch immer wieder die Straße zu reinigen. Bei den Häckslern ist ein Hoflader dabei, ebenfalls zum Reinigen der Fahrbahn ausgerüstet. Wenn es geht, fahren die Gespanne vom Acker zunächst über Feldwege, damit der meiste Dreck gar nicht erst auf die Straße kommt. Und als ein Gespann beim Fahren hinter dem Häcksler eine Dusche bekommt, steigt der Fahrer aus und wischt die Flocken mit einem Besen von seinem Gefährt.
Neun Jahre lang hat Gröger-Heecks nach eigenen Angaben daran gearbeitet, die Maisanbauflächen mit den benachbarten Biogasanlagen Leezen und Gräberkarte so zu tauschen, dass die Wege möglichst kurz sind: „Mit Mais an Biogasanlagen vorbei fahren, das ist nicht meine Welle.“

Fiene Dittenborn und Caroline Beckmann

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